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09.01.2019

Wir hatten völlig vergessen, Fotos zu machen…

Ein Gespräch über das Judentum

Wussten Sie, dass der Gebetsmantel der Juden eigentlich nur dazu da ist, die vier langen Schaufäden an den Zipfeln zu tragen, weil diese in der Tora erwähnt werden?

Und wussten Sie, dass ein Jude sich eigentlich keine Kippah zu kaufen braucht, weil diese Käppchen gerne anlässlich einer Hochzeit oder einer Bar-Mizwa oder Bat-Mizwa den Gästen als Gadget überreicht werden?

Oder wussten Sie, dass bei einer jüdischen Hochzeit immer auch ein Glas zerstampft wird, um an den zerstörten Tempel zu erinnern?

Die Schülerinnen des Evangelischen Religionsunterrichts der Klassen 10 wissen jetzt Bescheid. Denn Herr David Holinstat war zu Besuch. Oder genauer: Die Klasse hatte ihn „gemietet“ – und zwar kostenlos.

„Rent-a-Jew“ heißt der Verein, in dem David Holinstat ehrenamtlich mitarbeitet. Und der Name ist Programm. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, dass Menschen nicht nur über Juden reden, sondern mit ihnen. Dass nicht nur im Unterricht über den Holocaust berichtet wird und über das Leben von Juden heutzutage in Deutschland Videos angeschaut und besprochen werden, sondern, dass man einen Menschen aus Fleisch und Blut kennenlernen und mit Fragen löchern kann. Nichts wirkt so gut gegen Antisemitismus wie das persönliche Gespräch, der Dialog.

Antisemitismus war denn auch der erste Schwerpunkt bei den Fragen der Schülerinnen. Aber in einer sehr persönlichen Form. Die Schülerinnen wollten wissen, wie Herr Holinstat diesen erlebt habe und erlebe. Ob es im Lauf der Jahre aus seiner Sicht Veränderungen gegeben habe. Auch die gesellschaftliche Situation von Juden als einer Minderheit war Thema. Besonders im Vergleich zwischen seiner Heimat in Kalifornien und seiner neuen Heimat in Deutschland. 

David Holinstat bekannte offen, dass es ihm Angst mache, dass Antisemitismus wieder salonfähig geworden sei und sogar im Landtag von Baden-Württemberg ein Abgeordneter der AfD antisemitische Weltverschwörungstheorien ausspreche.

Das sei in den 80er Jahren, als er nach Deutschland kam, noch unvorstellbar gewesen.

Er forderte die Schülerinnen auf, genau hinzuschauen. Nicht „die“ Deutschen, nicht „die“ Muslime zu sagen, sondern zu unterscheiden: Wer sagt was? Populistische Vereinfachungen seien gefährlich. Ein Nährboden für Rassismus und Antisemitismus.

Das Wichtigste sei, bei sich selbst den Kopf zu prüfen. Wenn mir Fremde begegnen, macht mir das vielleicht Angst. Aber dann müsse man auch sich selbst immer wieder fragen: Will ich diese Angst haben? Will ich so sein? Was habe ich da für ein Bild im Kopf? Auch von mir selber? Will ich das haben?

Man merkte Herrn Holinstat deutlich an, dass er nicht nur Elektroingenieur ist, sondern auch einen Bachelor in Psychologie hat.

Es war eine interreligiöse Begegnung auf hohem Niveau und als der Gast am Schluss noch seinen Koffer voller jüdischer Utensilien auspackte, fand das Gespräch ein heiteres und anschauliches Ende.

Da merkten wir, dass wir vor lauter Spannung vergessen hatten, Fotos zu machen.

Für einen Artikel auf der Schulhomepage eigentlich unverzeihlich.

Andererseits in diesem Fall wohl ein Qualitätsmerkmal ganz eigener Art.

Gerhard Müller, Pfr.

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Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg