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23.06.2022

Grafeneck ist auch im Dunkeln nur ein schwarzer Fleck

Inklusionstheater zur Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis

Wenn man das Schloss Grafeneck sieht, könnte man nicht meinen, was für Verbrechen hier durchgeführt wurden. Zum Verständnis des Theaterstücks „Hierbleiben…Spuren nach Grafeneck“ vom Verein Theater in der Tonne e.V. Reutlingen ist es erforderlich, ein klein bisschen über die Geschichte des Schlosses Grafeneck zu wissen.

Die Nazis hatten dort eine systematische Tötungseinrichtung für Menschen mit Behinderung etabliert und unter dem Decknamen der Euthanasie („Gnadentod“) im Jahr 1940 über 10.000 Menschen mit Behinderung ermordet mit der Begründung, dass diese Leben unwert seien und nur der Kriegskasse zur Last fallen.

In den „Patienten“ wurden falsche Erwartungen geweckt und sie wurden mit grauen Bussen fortgebracht und dort nach einer kurzen „Gesundheitsprüfung“ unter dem Vorwand des „Duschens“ mit Kohlenmonoxid vergast. Angehörige erhielten einen Trostbrief mit einer fiktiven Todesursache und einem gefälschten Todesdatum.

Dieses düstere Kapitel unserer Geschichte wurde durch die rund 15 Akteure eindrucksvoll dargestellt. Wenn man aus deren Mündern hört, dass sie alle aufgrund ihrer Einschränkungen damals nach Grafeneck hätten kommen können, dann erzeugt das Gänsehaut und Betroffenheit zugleich. Mit sehr wenigen Requisiten, die aber immer gekonnt eingesetzt wurden, und sehr viel Enthusiasmus erzählten sie die Geschichte in einer beklemmenden Atmosphäre. Die Akteure schlüpften in unterschiedliche Rollen, mal waren sie Wärter, die lautstark nach „Name, Krankheit, Rasse“ fragen, mal waren sie Patienten auf Grafeneck, die das Hakenkreuz verunstalten, mal schrieben sie die „Trostbriefe“ oder saßen in einem der grauen Busse.

Eindrucksvoll war es auch, als sie bekannte, heitere deutsche Lieder wie „Kein schöner Land“, „Hoch auf dem gelben Wagen“ „Muss i denn zum Städtele hinaus“ sangen und parallel dazu offensichtlich war, dass die Insassen des Busses in den Tod fahren.

Die Gasflaschen waren einerseits Musikinstrumente, Lückenfüller der Trostbriefe und am Schluss auch die Urnen der Verstorbenen. Eiskalt lief es einem den Rücken hinunter, als eine Akteurin völlig objektiv die Wirkungsweise von Kohlenmonoxid im Körper und damit den Vorgang des Vergasens erklärte.

Unvorstellbar war das Interview mit dem Arzt, der Grafeneck leitete und aus tiefster Überzeugung die armen Seelen erlöste. Zermürbend war dafür ein Interview mit einem Angestellten dort, der bei Amtsantritt nicht wusste, was auf ihn zukomme, der aber niemandem von den Vorgängen erzählen durfte weil er und seine Angehörigen sonst ins KZ gekommen wären.

Insgesamt kann man für die neunten und elften Klassen der unter keinen Umständen von einer unterhaltsamen Theatervorstellung reden, aber von einer beeindruckenden. Die Leistungen der Akteure waren immens, sie trugen praktisch alles auswendig vor, zeigten keine Hemmungen und waren sich für nichts zu schade.

Am Ende gab es noch die Möglichkeit, mit den Akteuren ins Gespräch zu kommen oder in den Tagebüchern, in denen alle Opfer aufgeführt sind, nachzuschauen, ob der eigene Nachname auch darin vorkommt. Die Bestürzung, wenn der Name erschien war in vielen Gesichtern sichtbar und regte bestimmt so manche Unterhaltung mit den Eltern und Großeltern zu diesem Thema an. Und das ist das, was die Theatergruppe erreichen will – dass Menschen sich an dieses düstere Kapitel erinnern und alles dafür tun, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Text und Bilder von

Joachim Ott

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Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg