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04.03.2015

MISEREOR-Besuch

Philippinischer Bischof zu Besuch

Der jährliche Besuch von MISEREOR an der Heimschule Kloster Wald ist zu einer festen Einrichtung geworden. Er steht im Rahmen des im Sozialcurriculums verankerten Ziels des „globalen Lernens“.

Dieses Jahr standen die Philippinen im Fokus der MISEREOR-Fastenaktion – und die Heimschule hatte die besondere Freude den philippinischen Bischof Crispin Barrete Varquez zu Gast haben zu dürfen.

Der Mann mit dem sympathischen und ansteckenden Lächeln hatte zusammen mit seiner Übersetzerin, Frau Katja Holzwarth, ein dichtes Programm zu bewältigen:

In den ersten beiden Stunden die Klassen 8, nach einer Tasse fairem Kaffee im Oberstufencafé die Klassen 7 in den Stunden 3 und 4. Und in der 5. und 6. Stunde noch die Klassen 10 und 11 im Doppelpack.

Bischof Varquez, der seit drei Wochen durch Deutschland reiste, nahm es mit Charme, Humor und Gelassenheit und erwies sich für die Schülerinnen als ein überaus authentischer, offener und kommunikativer Gesprächspartner.

Mit einer Powerpoint-Präsentation veranschaulichte Bischof Varquez, was das diesjährige MISEREOR-Motto „Neu denken – Veränderung wagen“ für die Philippinen ganz konkret bedeutet.

Zunächst gab der Bischof eine Einführung mit Informationen über die Vielfalt und Schönheit seiner Heimat, über Geografie, Klima und Sprachen, über Politik und soziale Verhältnisse, über den Charakter der Menschen und ihre Religiosität, sowie über seine Diözese Borogan ganz im Osten des Landes.

Danach kam der Bischof auf die Auswirkungen des Klimawandels zu sprechen. Sie seien in dem Inselstaat, in dem der größte Teil der Bevölkerung auf Meereshöhe lebt, überdeutlich zu spüren.

Am dramatischsten zeigt sich dies an den Taifunen. Mit tropischen Stürmen zu leben, sind die Menschen auf den Philippinen gewöhnt. Auch daran, zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Aber die Taifune werden stärker und unberechenbarer. Sie kommen nun auch außerhalb der Regenzeit. Und sie verursachen immer schlimmere Verwüstungen mit immer mehr Opfern.

Augenzeuge des Taifuns

Am 8.11.2013 traf Haiyan, der stärkste jemals gemessene Taifun, auf die Insel Samar, wo Bischof  Varquez‘ Diözese liegt. Der Bischof zeigt  ein Satellitenbild von Haiyan.
Das Auge des Taifuns ist sehr scharf abgegrenzt, Zeichen für einen heftigen Taifun. Er tobte mit Windgeschwindigkeiten bis 385 km/h. Über 10.000 Menschen starben. Viele wurden durch herumfliegende Gegenstände erschlagen. Die meisten ertranken durch die vom Taifun verursachten Überflutungen. 14,1 Millionen waren betroffen.

Ein kurzes Video macht das Unvorstellbare halbwegs anschaulich. Der Bischof schaut wie gebannt auf das Video. Man ahnt, was in ihm vorgeht.
„Was haben Sie gemacht während des Taifuns?“ fragt eine Schülerin.
„Ich war in meiner Bischofsresidenz“, antwortet der Bischof.
„Ich habe gezittert vor Angst und habe gebetet. Ich habe mein Leben in Gottes Hände gelegt.“

Er erzählt, wie viele Menschen in der Bischofsresidenz Zuflucht gefunden haben. Wie Menschen in den Toiletten ihrer Häuser überlebten, weil dies die einzigen betonierten Räume waren.
„Wir waren von der Stärke des Taifuns überrascht“, berichtet Bischof Varquez.
„Es hatte Warnungen des Wetterdienstes gegeben, aber mit dieser Stärke hatte niemand gerechnet. Wir haben uns gefühlt, als hätte man uns in eine Waschmaschine gesteckt. Der stärkste Sturm dauerte vier Stunden. Wir dachten das sei das Ende der Welt.“

Er sieht die Ursache der immer heftiger werdenden Taifune im Klimawandel. Die Meeresspiegel steigen. Das Meer wird wärmer, auch in tieferen Schichten. Die Verdunstung nimmt zu. In der Atmosphäre kühlt sich die aufsteigende Feuchtigkeit wegen der dünnen Ozonschicht schneller ab. Ein sich immer schneller drehendes Wolkensystem entsteht, das die Verdunstung noch verstärkt. Und damit auch die Gewalt des Taifuns.

Dann Fotos von den Auswirkungen des Taifuns. Menschen, die Schlange stehen um Essen, Wasser, Medizin, Notunterkünfte. Mit Planen abgedeckte Opfer. Tote Kokospalmen mit braunen Blättern.
„Die Bäume wurden in verschiedene Richtungen abgerissen“, erzählt der Bischof.
Der Taifun wirbelte herum; er kam aus verschiedenen Richtungen.“

MISEREOR und PMPI helfen

Nach Haiyan setzt eine weltweite Welle der Solidarität ein: Katastrophenhilfe aus den USA. Besuche von Papst Franziskus, der die Menschen ermutigt, und Präsident Hollande, der sich mit dem Besuch auf den Weltklimagipfel vorbereitet.

MISEREOR ist schon viele Jahre in Form des philippinischen Netzwerks PMPI (Philippine Misereor Partnership Inc.) im Land präsent. Nun übernimmt das Hilfswerk durch seine Partner vor Ort Schlüsselaufgaben beim Wiederaufbau.
Der Bischof dankt den Schülerinnen stellvertretend  für die Hilfe und Unterstützung, die durch MISEREOR speziell aus Deutschland gekommen ist.

In einem kurzen Video wird die Aufbauarbeit konkret. Nach dem Wiederaufbau von Häusern werden Projekte initiiert, bei denen Ökonomie und Ökologie ineinandergreifen. Der Aufforstung der Mangrovenwälder kommt dabei besondere Bedeutung zu. Sie soll deren natürliche Schutzfunktion gegen Überflutungen verbessern. Gleichzeitig sind die Mangroven ein wichtiger Laichgrund für Fische und dienen der Ernährung. Außerdem absorbieren sie das CO² und geben Sauerstoff. Sie sind wichtig für das ökologische Gleichgewicht. „Dieses Gleichgewicht ist auch von Gott in der Schöpfung so vorgesehen“, sagte Bischof Varquez.

PMPI unterstützt die Nutzung von Sonnenkollektoren, die ihrerseits Stromkosten reduzieren. Örtlich wird eine Schweinezucht eingerichtet. Ein kleines Reisgeschäft kann eröffnen.
Darüber hinaus werden Evakuierungspläne erstellt, um bei einer nächsten Flut Menschen retten zu können.
PMPI betreibt schließlich auch Lobbyarbeit in der Politik und vertritt die Interessen von Menschen, die in Bergwerken unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und von Filipinos, die wegen Tourismusprojekten von ihren Grundstücken verdrängt werden sollen.

Der Bischof selbst berät die Menschen beim Wiederaufbau ihrer Häuser, unterstützt sie und initiiert mit Musikern Benefizaktionen.
Das ermutigende Lied, das dabei zum Symbol des Wiederaufbaus wurde, hören wir uns zum Abschluss der Präsentation von Bischof Varquez gemeinsam an.

Globales Lernen hautnah

In den anschließenden Gesprächsrunden waren es vor allem zwei Fragen, an denen die Schülerinnen „globales Lernen“ erleben konnten.
Marcelina Beck aus der Klasse 7 fragte, was wir hier in Deutschland eigentlich tun können, um solche Katastrophen vermeiden zu helfen.
In seiner Antwort stellte der Bischof den Zusammenhang her zwischen CO² Ausstoß durch Straßenverkehr und Industrie einerseits und der Klimaerwärmung mit ihren katastrophalen Folgen für die Philippinen andererseits.
Der Bischof ermutigte die Schülerinnen daraufhin zu einem sorgsamen Umgang mit der gemeinsamen Schöpfung.

Elisabeth Grossmann aus der Klasse 10 wollte wissen, ob die Menschen auf den Philippinen durch diese Naturkatastrophe nicht in ihrem Glauben erschüttert würden und an Gott zweifeln würden.
In der sehr persönlichen Antwort des Bischofs bekam das „globale Lernen“ eine geistliche Dimension. Er verglich das 800 Jahre alte Kloster Wald mit den Gebäuden auf den Philippinen. So wie die Menschen in Deutschland Stabilität gewohnt sind, so leben die Menschen auf den Philippinen mit ständiger Unsicherheit und Veränderung. Aber sie leben damit fröhlich und zuversichtlich. Nach dem Taifun musste das Leben weitergehen. Sie ermutigten sich gegenseitig, packten an mit der ihnen eigenen Zielstrebigkeit und bauten auf, was zerstört war. Sie zweifelten nicht an Gott. Der Supertaifun konnte den Menschen zwar alles zerstören aber konnte ihnen nicht ihren Glauben und das Vertrauen auf Gott nehmen.

Bischof Varquez sieht als Besonderheit seiner Landsleute den Lebensmut, den sie aus ihrem Glauben ziehen. Sie wollten und mussten weiterleben.
Sie waren sicher, dass Gott sie dabei nicht im Stich lassen wird.
Die Leute haben aus ihrem Glauben mitten in der Zerstörung die Stärke genommen weiter zu machen

In Europa, wo vieles sicher und stabil ist, sah der Bischof „andere Taifune“: Einsamkeit, Burnout, schwierige Entscheidungen, persönliche Probleme, die die Menschen sogar so weit bringen können, dass sie nicht mehr leben wollten.

Das sei etwas, was er selbst gelernt habe in diesem Land, wo es von außen besehen, den Menschen doch so gut gehe, dass sie in den Augen eines Filipinos eigentlich doch nur glücklich sein könnten.

„Aber“, sagte der Bischof „wenn wir an einen Gott glauben, der da ist, dann gibt das einem auch die Kraft, weiter zu machen.“

Gerhard Müller

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